Herbert Rinneberg verwies auf erheblich mehr Belastung durch die Anflüge
Nach dem BISS-Treffen vom 8. September gilt es auf einige wichtige Aspekte hinzuweisen: Prof. Herbert Rinneberg nannte hinsichtlich der Abflüge zwei von ihm herausgearbeitete Verbesserungsvorschläge. Zunächst wies er darauf hin, dass die Möglichkeit bestünde, Flüge mit der Destination Osten nicht wie geplant bei Westwind von der Nordbahn sondern von der Südbahn starten zu lassen. Die Flugzeuge würden in diesem Fall außerhalb der Stadtgrenze eine Kurve nehmen und dann direkt die Ost-Destinationen anpeilen. Auf diesem Weg würde die Region Berlin bereits von einer großen Anzahl von Flügen verschont werden.
Als zweites stellte Rinneberg das sogenannte „Frankfurter Modell“ vor:
Im Frankfurter Modell sind die Freigabehöhen auf besondere Weise geregelt. Die Mindestfreigabehöhe liegt in Deutschland grundsätzlich bei 2.000 Fuß. Die DFS hat diese Freigabehöhe jedoch freiwillig auf 5.000 Fuß (also auf 1.524,00 m) beschränkt. Dies bedeutet, dass jeder Pilot sich bis zu einer Höhe von 5.000 Fuß an die vorgeschriebenen Abflugrouten halten muss und erst nach Erreichen dieser Höhe bzw. nach Erteilung der Freigabe sein Ziel im Direktflug ansteuern darf, ohne sich an vorgegebene Abflugrouten halten zu müssen. Beim Frankfurter Flughafen gibt es nun die besondere Regelung, dass die Freigabehöhe nicht absolut festgelegt wurde, sondern dass sie an die Tageszeit angepasst ist. So gelten in Frankfurt folgende Freigabehöhen:
- Zeitraum 7.00 Uhr bis 22.00 Uhr: Freigabehöhe 6.000 Fuß
- Zeitraum 6.00 Uhr bis 7.00 Uhr und
- Zeitraum 22.00 Uhr bis 23.00 Uhr: Freigabehöhe 8.000 Fuß
- Zeitraum 23.00 Uhr bis 6.00 Uhr: Freigabehöhe 10.000 Fuß
Ob sich dieses Frankfurter Modell für unsere Region eher vorteilhaft oder negativ auswirken würde, ist zu diskutieren. Unseres Erachtens wird unsere Region von dieser Regelung überhaupt nicht betroffen. Für Regionen, die direkt unter der NOOST-Abflugroute liegen, dürfte das Modell zweifellos einen Nachteil, für die Regionen, die östlich von der NOOST-Abflugroute liegen, einen Vorteil bieten. Die Begründung ist nicht physikalisch sondern menschlicher Natur: Die Piloten müssen die NOOST-Abflugroute solange einhalten, bis sie die Freigabe-Höhe erreicht haben. Sobald diese Höhe erreicht wurde, dürfen sie ihr Ziel direkt ansteuern und werden somit jede „Abkürzung“ Richtung Osten fliegen, die sich ihnen bietet. Werden die Freigabehöhen des Nachts höher, fallen die Abkürzungs-Möglichkeiten weg, so dass die Bewohner der Regionen östlich von der NOOST-Abflugroute nicht mehr überflogen werden, während die Bewohner direkt unter der NOOST-Abflugroute nun jedes Flugzeug ertragen müssen.
Zu bedenken ist bei dem „Frankfurter Modell“ außerdem, dass diese Freigaberegelung keine gesetzliche Regelung ist sondern eine Selbstbeschränkung der DFS. Somit kann sie jederzeit quasi unbemerkt von der Öffentlichkeit wieder geändert werden.
Im Ergebnis kann die Region um die NOOST-Abflugrouten aktuell nach Berechnungen Rinneberg wohl mit 42 Abflügen täglich von Schönefeld rechnen. Wenn die volle Ausbaustufe von Schönefeld erreicht ist (ca. 2023), wird diese Zahl auf ca. 60 Flugzeuge täglich gestiegen sein. Jeder kann nun für sich selber entscheiden, ob er diese Überflüge als erträglich akzeptiert oder ob er die durchaus verständliche Meinung vertritt, dass auch nur ein einzelnes Flugzeug angesichts der ursprünglichen Planung („Geradeausflüge“) bereits eines zu viel ist.
Rinneberg wies uns weiter darauf hin, dass für unsere Region voraussichtlich die Anflüge eine viel größere Belastung als die Abflüge werden könnten, und zwar sowohl quantitativ als auch qualitativ! Die Anflüge werden nach einer aktuellen Berechnung mit einer Höhe von ca. 1.064,00 m und einer Geschwindigkeit von 70,0 m/s bis 108,0 m/s über unsere Region geleitet. Die geäußerte Hoffnung, dass Anflüge im Vergleich zu Abflügen wesentlich leiser verlaufen, machte Prof. Rinneberg unter Verweis auf die VBUF des Landes Brandenburg zu nichte: der Unterschied in der Lärmbelastung beläuft sich lediglich auf ca. 10db! Der Geräuschpegel beträgt je nach Flugzeugtyp ca. 59 bis 67 db(A).
Für Interessierte sei auf die von Prof. Herbert Rinneberg genannte Studie (Abschätzung der Fluglärmbelastungen durch BBI-Flugrouten / Grundlage: Vorläufige Berechnungsmethoden für den Umgebungslärm an Flugplätzen – VBUF, herausgegeben vom Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft des Landes Brandenburg) verwiesen, die leicht gegoogelt werden kann.
Im Rahmen unserer Diskussion wurde erneut darauf hingewiesen, dass die von offizieller Stelle vorgenommenen Lärmberechnungen nicht aussagekräftig sind, da die Spitzenwerte (bei Überfliegen eines Flugzeuges) durch Durchschnittsbildung künstlich niedrig gerechnet werden. Hält man sich nun noch vor Augen, dass bereits ein Geräuschpegel von ca. 40db(A) bis 45 db(A) in der Nacht (Zeitraum 3.00 Uhr bis 5.00 Uhr) zu klassischen Kreislauferkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall etc. führen kann, bleibt festzuhalten, dass sich unser Kampf gegen jedes einzelne Flugzeug, das über unsere Köpfe geleitet wird, richten muss.
Hier sei für Interessiere auf die vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebene Studie: „Beeinträchtigung durch Fluglärm: Arzneimittelverbrauch als Indikator für gesundheitliche Beeinträchtigung“, erstellt von Eberhard Greiser u.a., hingewiesen, die ebenfalls leicht gegoogelt werden kann.
Ebenso interessant erscheint uns der Spiegel-Online-Artikel vom 12. Dezember 2009: „Etwa zehn Jahre nach dem Ausbau von Berlin-Schönefeld zum Großflughafen müssen sich nach Greisers Berechnungen die umliegenden Krankenhäuser beispielsweise auf fast 5000 zusätzliche Patienten mit Herz-Kreislauf-Krankheiten einstellen, darunter etwa 1350 Männer und Frauen mit einem Schlaganfall. Durch umfangreichen Lärmschutz lasse sich die Zahl der Schlaganfall-Patienten auf etwa 950 verringern.“ Nun wird uns die Lärmbelastung nicht in diesem Ausmaß treffen, doch zeigt diese Aussage, wie wichtig unser Kampf bleibt.
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Flugrouten über uns hinweg
- zum Verlust unserer Gesundheit
- zum Verlust unseres Vermögens
- zum Verlust unserer Lebensqualität
führen. Es ist nicht einzusehen, warum wir dies so einfach hinnehmen sollten.
Aus diesem Grund ist es zwingend erforderlich, dass wir weiter kämpfen, und zwar nicht nur für die Regionen, die stärker als wir betroffen sind, sondern insbesondere auch für den Spandauer Süden! Ein Staat ohne Wirtschaft kann nicht existieren, aber eine Wirtschaft ohne gesunde, arbeitsfähige Bürger funktioniert noch weniger. Deshalb darf nicht gelten: Wirtschaftlichkeit vor Lebensqualität! Andersherum wird ein Schuh daraus!
Prof. Herbert Rinneberg schloss unsere Sitzung mit dem Aufruf: „Einigkeit macht stark“. In diesem Sinne bitte wir Euch, an den bevorstehenden Groß-Demos teilzunehmen! Folgende Termine sind geplant:
- 23. Oktober 2011 in Schönefeld
- 19. November 2011 in Potsdam
- 28. Januar 2011 in Berlin
„Einigkeit macht stark“ ist auch das Motto, unter dem wir unsere Teilnahme am Imchenfest geplant haben: Statt wie bisher Einzelkämpfer in die Höhle des Löwen zu schicken, wollen wir uns alle beim Imchenfest treffen, um gemeinsam auf unser Anliegen hinzuweisen. Bitte haltet Euch alle Samstag, den 17. September 2011 frei! Die Einzelheiten besprechen wir auf der nächsten Sitzung. Um Euch Mut zu machen, eine weitere Info: Wir haben bereits 240 Unterschriften in Kladow für ein Nachtflugverbot gesammelt! Das ist eine große Leistung, aber: Mehr geht immer!
Carola Napieralla
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Nach dem Urteil über das Nachtflugverbot und die immer wieder erlebte Ignoranz vieler Menschen in Kladow, die einfach nicht wahr haben wollen, dass es noch sehr viel lauter in Kladow wird, wollten auch wir aufgeben. Wir waren müde. Die wiederkehrenden Argumente, “was habt ihr gegen Tegel unternommen”;”ihr wollt doch auch fliegen”, waren allgegenwärtig.Viele Anwohner begreifen nicht, dass wir nicht gegen den Flughafen sind, sondern für eine faire Verteilung der Flugrouten kämpfen – sei es in Müggelsee, Zeuthen, Teltow oder bei uns im Spandauer Süden und Groß Glienicke. Doch wir geben nicht auf. Wir werden am 19. 11. mit demonstrieren und so zeigen, dass wir auf die Verlässlichkeit von Politikeraussagen, denen wir eigentlich schon lange nicht mehr trauen, pochen. Danke für Eure viele Mühe – auch bei der Gestaltung der Homepage, wir sind im Dezember ein Jahr dabei.